Evolution

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Die Evolution hat uns alle belogen.

Der Mensch, auch du, ist anderen Lebewesen nicht überlegen. Einer neuen Studie zufolge haben wir uns geirrt. Ja, auch du bist in Wirklichkeit nur der Pförtner des Hochhauses, in dessen höchsten Stock wir uns für Ewigkeiten gewähnt haben. Es war der Stolz, der uns zum höchsten aller Geschöpfe gemacht hat. Unser menschlicher Fortschritt besteht nur in unseren Vorstellungen.

Du wirst enttäuscht sein, Leser, dass die Evolutionstheorie unserer Schulen so hinters Licht geführt hat.

Du wirst dir skeptisch über die haarige Verpackung deines riesigen Neokortex streichen. Mit deiner so herrlich zur Sprache ausgebildeten Zunge wirst du über deine Oberlippe fahren. Dein Baby wirst du neben dir schlummern sehen, während du dir einredest, es würde gerade, einzigartig-menschlich, viele neuronale Verknüpfungen bilden. Stattdessen jedoch ist auch dein Kind wie der Karpfen, der mit größter Anstrengung Axon an Dendrit klebt und vor lauter Begriffsstutzigkeit beinahe untergeht.

Wir Menschen haben uns mit unserer Evolutionstheorie belogen. Lange Zeit hat die Menschheit Beweise dafür gesammelt, wie überlegen sie den anderen Arten ist. Sie hat sich die Erstklassigkeit der Evolution mit Wissenschaft zurechtgestapelt, die Argumente der Bonobos erhört und die kritischsten Arten einfach ausgerottet. Somit stand der Mensch die letzten 100, 200 oder 500 Jahre, wann immer das mit diesem Menschen mit dem Fernrohr gewesen ist, allein an der Spitze des natürlichen Fortschritts. Oder seit es diesen anderen gab, der beteuert hat, dass er nun endlich wissen würde, dass er dumm ist. Das hat er ja nur gesagt um zu zeigen, dass er klug ist. Klüger als Dammratten zum Beispiel, die immer noch ihren Intellekt zu beweisen versuchen.

Um es deutlicher zu machen: Seit man beim Bäcker fünf Gemischte zum Preis von drei Einfachen kriegt, ist der Mensch der Gewinner der Erdbevölkerung.                                     Keine andere Art wäre in der Lage gewesen, dieses scheußlich schiefe Gebäude in Pisa zur Touristenattraktion zu erklären und sich mit ihm zu fotografieren. Man sieht´s ja, die Fehlkonstruktionen der Affen sind längst abgerissen.                                                         Und kein Lebewesen auf Erden kann sich jeden Morgen in einen Bus drängeln, um rechtzeitig an einen Ort zu kommen, den er eigentlich gar nicht erreichen will.                  Nur, wer einmal unter Zeitstress die Themse hinuntergerudert ist, weiß, was es heißt, der Mensch sei unheimlich begabt darin, Hornhaut zu bilden.

Der Mensch ist genial. Der Mensch war genial.

Das Gehirn hat den Menschen genial gemacht. Das Gehirn, das es uns erlaubt hat, Tunnel durch Flüsse zu bauen, obwohl es da nass ist. Der Verstand, der es uns ermöglicht hat, den Mond zu erreichen, obwohl der echt weit weg ist. Der Neid, der uns drängt, die Mondlandung anderer zu bezweifeln, obwohl es dafür unwiderlegbare Beweise… Nun ja, auch im Diskutieren ist jeder von uns Menschen erstklassig, auch wenn er das Argumentieren nicht zwangsläufig beherrscht.

Wie dem auch sei, die Evolution hat uns belogen.

Und dann kommt da gestern diese Studie raus, in der zum wiederholten Mal kleine Steine gefunden wurden, die zum zigsten Mal die Wiege der Menschheit bestimmen und zum tausendsten Mal wird dieser Sapiens oder Erectus dafür gefeiert, dass er so gut Werkzeuge herstellen konnte. Keiner der Wissenschaftler ist je darauf gekommen, dass diese Feuersteine kein Zeichen des Stolzes gewesen sein könnten, sondern vielleicht eher eine Warnung. So wie wir uns heute ärgern, wenn jemand seinen Gasherd in den Wald wirft und wir es als Zeichen für ein verfallendes Bewusstsein werten, so könnte man auch den Sinn der ganzen Feuersteine und dicken Frauen in Speckstein, die heutzutage aus dem Sand Afrikas gelesen werden, noch einmal hinterfragen.

Es ist an uns Menschen, unsere Rolle neu zu begreifen. Die Evolutionstheorie hat uns getäuscht. Die Zeiten, in denen wir uns auf uns verlassen können, sind ein Stück weit vorbei. Wir müssen uns auch mit den Karpfen und Dammratten unserer Zeit an einen Tisch setzen. Denn die Überheblichkeit ist rein menschlich. Jeder von uns macht mal was Dummes und einige von uns haben Macht. Bringt also Stühle für jeden.

 

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Es hat keinen Namen und es wird nie einen kriegen

Mein Freund hat sich das linke Fantasiebein gebrochen. Er humpelt seitdem auf zwei Krücken der Einfallslosigkeit, zieht sein Leben hinter sich her als wäre es ein unpraktischer Rollkoffer, an dem sich eines der Räder nicht mehr dreht.

Es dreht sich nicht mehr und er steht still. Nun fragt er sich, ob er morgen wirklich noch aufstehen soll, ob es sich gestern gelohnt hat, seine weltbeste Freundin anzurufen und nach den besten Lösungen für die Welt zu suchen. Sie haben ja doch nichts gefunden.

Mein Freund grämt sich und treibt seinen Kopf durch Sorgen, als wäre es das Schiffchen durch das störrische Garn eines Webstuhls. Über die Sorgen hinwegsehen, sich unter ihnen klein machen, über sie herziehen wie falsche Freunde und unter ihnen in die Knie gehen. An ihnen hängenbleiben, an ihnen zugrunde- und kaputtgehen. Es träumt sich schwer, wenn das Material dazu fehlt.

Mein Freund war einmal ein Meister der Kreativitätsakrobatik, hat sich in die Ringe geschlungen und mit den Schlingen gerungen. Nie ist er gefallen. Er hat eine Idee über die nächste geworfen, einen Turm gebaut, der instabil war vor lauter Kunst und doch standhaft, voll mit leisen Ahnungen. Noch ein Gedanke mehr und er wäre in den Wahnsinn gerutscht. Jedoch hat er sich immer gehalten, manchmal die Menschen zum Zittern gebracht und selten den Kopf zu voll genommen. Vorbei.

Mein Freund konnte sich mal irren, wenn es angebracht war und falsch liegen, wenn sein Platz besetzt gewesen ist. Heute klebt er an Profanität wie Kleidung auf der Sommerhaut. Die ganzen Antworten haben ihm das Fragen verboten und deshalb lässt er andere für sich die Stimme erheben. Seine Gedanken verlieren sich in einem Hafen, wo Schiffe vertäut werden, Ware angenommen, und für immer ins Inland geschickt wird. Das Problem mit diesem Hafen? Es fährt niemals mehr etwas ab in diesem Hafen!

Mein Freund sieht verängstigte Schiffe in seinem Hafen, denen vom Auf und Ab der gewaltigen Gedanken schlecht wird. Mein Freund sagt, dass seine Schiffe keinen Sinn an am Schiffsein mehr sehen, weil man ja doch nur irgendwann an Land gehen würde. Seine Schiffe sagen so etwas.

Und dann rufen sie. „Fischer, Fischer! Wie tief ist das Wasser?“, rufen sie, ja, selbst die Schiffe rufen das. Wenn man ihnen nur einmal zuhören würde, den gottverdammten Schiffen, dann würden wir das hören. Stattdessen wird erwartet, dass sie in ihren Hafenbecken liegen und warten wie Hunde, bis man sie ausführt. Und dann sollen sie gefälligst ins Meer gehen, ganz egal, wie tief es ist. Da, wo die Kälte aufsteigt und die Wellen hoch sind, da will mein Freund nicht mehr hin und deshalb lässt er seine Schiffe im Hafen.

Mein Freund hat eine schlechte Prognose und er hat nie um eine bessere gebeten. Den Regen sieht er an den Fensterscheiben herunterlaufen und steht selbst draußen. Sein Fantasiebein schmerzt in diesen Momenten, weil Regen kreativ machen würde, wenn ein Bein eine Blume wäre. Dann würde er rufen, mein Freund: „Es regnet, es regnet. Die Erde wird wach!“

Selbstständig werden

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Mein cooles Ich denkt nicht an Morgen,

es sagt, mach dir mal keine Sorgen,

wenn es schief geht, hängt´s halt quer,

Alter, du stresst dich viel zu sehr!

 

Dreh die Cap mal hinten rum,

und wenn die lästern– sei´s halt drum,

die Looser könn´nicht mal grooven,

du stellst sich hin, fragst, was willst du denn?

 

Atme richtig kräftig aus! Und wenn´s

Nicht wirklich gut läuft? Brems!

Mit zehn deiner Zehen und deinem Gaumen,

wer wirklich cool ist, braucht nur die Daumen.

 

Und mit der Zeit geht´s drunter und drüber,

zu meiner Rettung kommt Mama rüber.

 

Yaay, Mutti, drauf hab ich immer gehofft,

viel zu lang hat hier keiner gekocht.

Meine Wäsche stinkt wie drei Tage Knast,

nichts gibt´s zu sagen, du hast gar nichts verpasst.

Meine Sprache hat sich hart verschlechtert,

hab seit zehn Monaten nur gebechert.

 

Drei Mädchen sagen „Du wirst Vater!“,

Ich hab noch heute Muskelkater,

Die Uni schreibt weil ich nichts leiste,

ey Mom, du bist da, das ist das Geilste!

 

Seit Wochen rufen Leute an,

weil ich sie nicht bezahlen kann.

Ich will nichts hören von da draußen,

sitze hier und lasse laufen.

 

Vor Erwartungen versteck ich mich,

hinter meinen Zielen steh ich nicht.

Meinen Laptop hab ich abgegossen,

die alten Brieftauben abgeschossen.

 

Ich dreh den Hahn zur Umwelt ab,

von Montag bis Freitag? Das hab ich satt!

Es ist die Südsee im Geist, die mir gefällt,

in ECHT bin ich niemand, im TRAUM dann ein Held.

Interesse: on. Blödheit: schreibt. Wahre Liebe: hat den Chat verlassen.

A: „Ich liebe dich wie mein eigenes Leben.“

B: „Oh Darling, davon sollst du mir Einiges geben!

Alles schenke ich dir auch von mir…“

A: „Mein Schatz, den Himmel seh’ ich in dir

Und lass mich dir sagen, die Zeit ist vorbei,

als wir uns noch fremd waren in Jungliebelei.“

B: „Es war frisch mit dir und etwas verwegen,

ich fühlte dich an mir und spürte den Regen

die Sonne am Rücken vorüber nur streichen.

Kannst du mir noch einmal deinen ersten Blick reichen?“

A: „Ich werf’ ihn dir zu und halte ihn fest“

B: „Ach, wenn du mich nur niemals mehr gehen lässt!“

A: „Es könnte so sein eines ferneren Tages…“

B: „Was? Sag mir bloß nicht dass das dein Plan ist!“

A: „Beruhig dich, ich spiele nur mit der Vernunft

Und will dich nur schulen für die Zukunft.“

B: „Das kann nicht dein Ernst sein, wo soll ich nur hin,

wenn’s heut schon vorbei ist, wo macht Liebe dann Sinn?

Ich will dir vertrauen und mich an dich legen“

A: „Aber Schatz, das darfst du! (Und dann überlegen.)“

B: „Dass es mal vorbei ist, will ich nicht heut schon sehen,

wenn die Zukunft auch fern ist, beginnt hier schon das Gehen

Ich mache es kurz und lasse dich los!“

A: „Was soll das bedeuten, was machst du da bloß?“

In 15 Zeilen von der Liebe ins Leben,

kann wohl nur ein Chat sich bewegen.

Brief an Ana, 1. Versuch

Liebe Ana,

ich hätte so vieles tun können.

Dir früher zu schreiben, wäre die erste Möglichkeit gewesen. Länger bei Dir zu bleiben, wäre die bessere Wahl gewesen. Oder Dich gar nicht erst zurückzulassen.

Die schlechteste Idee jedoch ist es, jetzt bei Dir angekrochen zu kommen wie ein hungriger Hund und Dich zu fragen, ob Du noch lebst. Vielleicht lebst Du nicht mehr, vielleicht erreicht Dich mein Brief nicht. Vielleicht schicke ich ihn auch einfach nicht ab.

Es ist wie es ist, ich bin zu spät und ich weiß, dass es umsonst ist. Aber meine Sehnsucht macht mich auf meine alten Tage noch zu dem jugendlichen Dümmling, der sich damals in Dich verliebt hat. Dann frage ich mich, wie ich Dir schreiben soll, was ich Dir sagen will und warum. Und kurz bevor ich mein Vorhaben, Dich endlich anzuschreiben, endgültig fallen lasse, fällt mir unsere gemeinsame Zeit wieder ein.

Wir hielten Ausschau den ganzen Tag. Wir blickten auf die Bucht, das dunstige Meer und die Wellen. Ich stand an einem Fenster der vielen Hütten und sah hinaus. Du saßest auf dem Küchentisch Deiner verstorbenen Familie. Wir beide hatten Angst.

Meine Uniform war an vielen Stellen zerrissen und meine Haut von der Überfahrt trocken wie der verdammte Wein, den wir an jedem Abend auf dem Schiff gesoffen hatten. Dein einziges Kleid, das wir Dir nicht angezündet haben, hing ebenso zerrissen von Deinem Körper. Du warst das wohl einzig überlebende Opfer unseres Überfalls. Ich war der einzig anwesende Täter und vielleicht auch ein bisschen Opfer.

Wir hielten Ausschau die ganze Nacht. Ich wollte nicht schlafen, weil ich Dich anschauen und mich entschuldigen wollte. Ich konnte nicht schlafen vor Reue, weil der Rest meines Trupps Deine Familie und Dein Dorf umgebracht hatten. Ich durfte nicht schlafen, weil ich fürchtete, dass sie zurückkommen und den Dissidenten suchen würden. Ich versteckte mich im einzigen Zimmer, das mich noch haben wollte und hatte Angst.

Und dann hatte ich Dich. Wir beide haben getauscht. Ich habe meine Gruppe zurückgelassen und Dich genommen. Meine Truppe hat mich zurückgelassen und Dir Deine Familie genommen. Und niemand hat auch nur irgendwen gefragt.

Weißt Du noch, als wir uns das erste Mal, völlig grundlos, geküsst haben? Kennst Du noch den Witz von der Möwe, den ich Dir erzählt habe, als sie weg waren? Erinnerst Du Dich an den Abend, als wir dachten, sie würden zurückkommen und uns finden?

So vieles gibt es zu sagen und alles wäre falsch. Ana, ich weiß nicht, wie ich Dir schreiben soll. Bei jeder Frage, die ich Dir stellen will, fällt mir etwas Neues ein. Es gibt so vieles zu erinnern. Aber egal was passiert, am Ende ist die Geschichte eine traurige. Vielen Dank für die Tage. Vielen Dank für die verdammt schönen Tage.

Aufbruch

Lossagen

Vom Brett stoßen und fallen

Sich groß machen und weit

fliegen und nicht ankommen nur suchen

Nach Fremde, zu allem bereit.

 

Absagen

Der Vertrautheit und winken

Die Höhle verlassen, kein Blick zurück

Mama ade, lasse die Tränen bei dir

Und auch ein wenig die Zeit.

 

Zusagen

Dem Neuland die Hand reichen

Ein Lächeln an Menschen

Die so anders sind wie das

Morgen ist meine neue Heimat.

 

Aufsagen

Der schönsten Lieder auf meiner Reise

Vom Abenteuer triefend

Bis in die Zellen verwirrt

Finde ich meinen eigenen Pfad.

 

An Sagen von der Kindheit

Sehne ich mich satt

Strecke deshalb die Arme und tauche

Mit Dank

in die erwachsenen Jahre ein.

Wie es dir geht, will ich wissen

Wir Menschen sind seltsam. Ständig treffen wir uns mit Freunden, begegnen Fremden in Bars und begrüßen Kollegen im Büro. Trotz dieser regelmäßigen Konfrontationen mit Begrüßungen, die wir mit einem „Hallo“ oder „Guten Tag“ noch gekonnt einleiten, scheint uns die Brücke vom ersten Wort zu einem Gespräch schwerzufallen. Verschiedene Kulturen haben sich damit abgefunden ihr Gegenüber eher als Gesprächsteilnehmer, denn als Gesprächspartner zu sehen. Deshalb scheint es überflüssig geworden zu sein, zu erfahren, wie es der anderen Person eigentlich geht.

In der englischsprechenden Welt fragt man mit einem raschen „How are you doing?“ nach nichts. Die Wörter werden dabei in einem Tempo ausgeschossen, in dem sonst nur der Rosenkranz gebetet wird. Eine Antwort wird meist nicht erwartet. Wie soll es dem Anderen schon gehen? Er wird sich fühlen wie ein bewölkter Tag, an dem es nicht regnet, wie eine Leistung, die wir „durchwachsen“ nennen, oder wie ein Gericht, das man nur isst, um satt zu werden. Es ist der glatt rasierte und blank geguckte Durchschnitt der Stimmung, den man bei dem Anderen erwartet und der dazu führt, dass man seine Antwort gar nicht erst abwarten muss. Im Englischen ist dies ein „Fine“, ein Nicken auf eine Frage, die eigentlich selbst schon Antwort ist.

 

Anders ist es in Deutschland. Zwar interessiert man sich auch hier nicht nach dem Befinden des Anderen, doch zumindest tut man nicht einmal so. Man geht davon aus, dass unser Gegenüber betriebsfähig ist und spart sich den Speichel für die Umsetzung der eigenen Pläne.

Es gab vor einigen Jahren den unbewussten Versuch der deutschen Halbwüchsigen, die englische Befindlichkeitsabfrage zu kopieren. Vermutlich fand diese Annäherung an die Laune des Mitmenschen nur in der reisenden und durchgefütterten Jugend der reichen Vororte statt, während man sich im echten Leben, wo man ohnehin schon längst erwachsen war, weiterhin mit achtfachem Handschlag begegnete.

Ich jedoch spreche von den Vororten, wo die Jugendlichen nur versuchsweise cool und teilweise, wie sagte man, „trendy“, waren. Wenn man die Umkleide der A-Jugend betrat, wenn man sich mit seinen Freunden an der Hauptstraße zum Dienstagsbier traf, wenn man sich zwei Minuten nach Unterrichtsbeginn mit einem Schwung hinter die Schulbank klemmte, dann wurde man stets gefragt: „Na, alles fit bei dir?“. Worauf sich der Eintretende, der Hauptstraßen-Zögling oder der sich Klemmende mit einem kecken Ausatmen antworte: „Jo, bei dir?“.

Vielleicht machen das die Teilnehmer der heutigen Abschlussklassen noch immer so. Ich kann es nicht sagen. Ich bezweifle es jedoch, da die billige Kopie des „Alles fit bei dir?“ auch damals schon nicht funktioniert hat. Wie cool wir doch waren, trotzdem. Und anspruchsvoll zugleich. Ein „anständig“ reichte nicht, es musste „fit“ sein. Nicht Teile davon, sondern alles. Es hätte genügt, wenn allgemein in der näheren Umgebung alles fit gewesen wäre, jedoch sollte alles fit bei mir sein. Jedes Mal. Doch wann war das einmal der Fall?

Viel schlimmer jedoch war, dass die ungeübt coole Vorstadtjugend den Gruß nicht beherrschte. So verhaspelte man sich beim Auswurf der Frage, setzte das bejahende „Jo“ zu hoch an und stellte meistens die Frage zeitgleich mit dem Gegenüber. Was dazu führte, dass beide gleichzeitig ihre Frage wiederholten, dümmlich lachten, im gleichen Moment „Jo, bei dir?“ antworten und wieder dümmlich lachten.

In den USA dagegen ist jedem Kind sonnenklar, dass es eine feste Rangfolge gibt, in der gefragt wird. Der Amerikaner ist hier außerordentlich geschickt, lichtet bei einer Begegnung blitzschnell die anwesenden Stimmungsträger und ordnet sich in einer Reihenfolge ein. Als erstes fragt immer der Mann, der Verkäufer, der Chef, der Trainer oder der Lehrer. Wenn diese ihre Frage gestellt haben, sagen die anderen „Fine“ und dürfen selbst fragen.

Es ist so einfach. Hätte ich das alles doch nur schon früher gewusst.

Früher, als ich noch nicht so weit gereist, breit gebildet und tief gefallen war, hatte ich Dümmling davon natürlich keine Ahnung. So betrat ich, als meine Mutter mich schließlich für alt genug hielt, mein Geld allein aus dem Fenster zu werfen, mit naivem Schritt ein Geschäft eines amerikanischen Einkaufszentrums. Voller Enthusiasmus betrat ich den Laden. Ich hatte so viel vor. Dem amerikanischen Traum wollte ich beim Einschlafen zuschauen, die Wiege des Kapitalismus wollte ich spüren und am Taufbecken des wahnwitzigen Konsums wollte ich mein Kreuz auf die stolze Stirn streichen.

Nie hätte ich damit gerechnet, dass man mich fragt, wie es mir geht. So kam es, dass man mich unvorbereitet fragte, wie es mir geht. Dass ich den Laden, es war ein Schokoladengeschäft, mit meinen Vorstellungen der Revolution betrat und gefragt wurde, wie zum Himmel es mir geht.

Die Situation hängt mir wie die Lider vor den Augen. Ich war der einzige Kunde, traumverhangen durch den Eingang stolzierend und einen ersten Blick auf die süße Ware werfend, als die verhängnisvolle Frage mich erreichte.

Die Frau stand hinter ihrer Kasse am Ende des Raums, lächelte, und schaute mich an. Ach, hätte ich doch damals die alles lösende Floskel gekannt! Hätte ich „Fine“ gesagt und wäre gleichgültig an das nächste Regal gegangen, meine Begegnung mit dem amerikanischen Gemüt wäre eine gesündere gewesen.

Ich aber war unwissend und damit konfrontiert, eine Antwort zu finden. Wie ging es mir? Ich war satt und ausgeschlafen, hatte alle Hausaufgaben gemacht und keinen Streit mit meiner Familie. Ich war enttäuscht von der ersten Begegnung, hatte Husten und keine Ahnung, was in dieser Situation zu tun war. Wie nennt man das Gefühl, den momentanen Stand seines Selbst, wenn man satt, ausgeschlafen, enttäuscht, hustend, ahnungslos im Frieden und mit allen Hausaufgaben fertig war?

„Gut“, wäre zu gut gewesen und „Nicht all zu schlecht“, hätte zu schlecht geklungen. „Inspiriert“ wäre gelogen und „Enttäuscht“ eine Beleidigung. Wie sollte ich dieser Frau, zumal auf Englisch, erklären, wie es mir ging, wenn es nicht einmal im Deutschen eine Antwort gab? Wenn selbst die Sprache Goethes, der für jeden Fingernagel seiner Geliebten eine Bezeichnung hatte, keine Antwort wusste.

Die Verkäuferin und ich schauten uns in die Augen. Sie wendete sich ab und ließ mich mit meiner Sorge allein. Nach einer Zeit, in der der Geübte sich längst wieder verabschiedet hätte, sagte ich „Fine“, sah sie entgeistert nicken und verließ verschreckt den Laden.

 

Ich habe aus der Erfahrung gelernt. Wie ein Frachttanker manövriere ich mich heute durch die englischsprachige Welt, stoße mich an keiner einzigen Begrüßung und lade geschickt hier und da mein „Fine“ ab, ohne auch nur eine Sekunde länger als nötig am Hafen der Tiefgründigkeit anzulegen.

Manchmal hingegen spiele ich Staudamm. Ich liege da und frage mit aller Ehrlichkeit und Ruhe: „Wie geht es dir?“. Ich öffne mich erst nach einer ausführlichen Antwort.

Und manchmal erzähle ich selbst.